Gulistan Awaz – Nur durch meine Sprache existiere ich
Lehrerin für kurdische Sprache, ausgebildet im Bereich Sozialpädagogik
Jedes Volk bringt seine Existenz durch seine Sprache zum Ausdruck und bekräftigt sie zugleich. Sprache ist weit mehr als eine Ansammlung von Wörtern und Schriftzeichen; sie verkörpert Identität, Kontinuität und kulturelles Dasein. Die charakteristischen Merkmale einer Gemeinschaft spiegeln sich in allen Lebensbereichen wider, sei es durch ihre grammatischen Strukturen oder durch ihren Wortschatz und ihre sprachlichen Ausdrucksformen.
Die kurdische Sprache hat trotz der zahlreichen schwierigen Phasen, die sie durchlaufen hat und bis heute durchläuft, ihre sprachliche Struktur, ihre Eigenständigkeit sowie ihre Lebendigkeit bewahrt. Darüber hinaus hat sie ihre Stellung gefestigt und sich für die Herausforderungen der Zukunft gut aufgestellt. Einen bedeutenden Beitrag zu dieser Entwicklung leisteten engagierte Sprachwissenschaftler, Intellektuelle und Persönlichkeiten, die sich dem Erhalt und der Förderung der kurdischen Sprache verschrieben haben.
Unabhängig davon, ob sie in ihrer Heimat oder in der Diaspora leben, betrachten sie den Schutz und die Weiterentwicklung der kurdischen Sprache stets als eine zentrale Aufgabe. Insbesondere diejenigen, die seit vielen Jahren in der Diaspora leben, haben große Anstrengungen unternommen und zahlreiche Schwierigkeiten auf sich genommen, um die offizielle Genehmigung für den Unterricht der kurdischen Sprache in fortschrittlichen Staaten zu erlangen, in denen die Menschenrechte geachtet und geschützt werden. Deutschland nimmt in diesem Zusammenhang eine besonders bedeutende Stellung ein.
Dr. Zeredeşt Haco gehörte zu diesen angesehenen Sprachförderern und Verfechtern der kurdischen Sprache. Im Jahr 1992 gelang es ihm in Bremen nach intensiven Bemühungen und langjähriger Zusammenarbeit mit den zuständigen Institutionen und Entscheidungsträgern, die Genehmigung für den Kurdischunterricht an öffentlichen deutschen Schulen zu erwirken.
Dies stellte für die Kurden einen historischen Erfolg dar. Bis heute wird der Kurdischunterricht an zahlreichen Schulen kontinuierlich und ohne Unterbrechung angeboten.
Für uns Kurden war es lange Zeit ein Traum, die kurdische Sprache frei und offiziell lernen und lehren zu können sowie sie ohne Einschränkungen im Alltag zu sprechen und weiterzugeben. Damit die bislang geleisteten Anstrengungen jedoch nicht vergeblich bleiben und nachhaltig Wirkung entfalten können, bedarf es der Unterstützung durch die kurdischen Familien.
Wenn Eltern ihre Kinder nicht für den Kurdischunterricht anmelden und kein Interesse am Erlernen der kurdischen Sprache zeigen, können Schulen weder entsprechende Lehrkräfte einstellen noch Kurdisch in ihr Bildungsangebot aufnehmen.
Es liegt daher in der Verantwortung aller Kurden, unabhängig von ihrem Wohnort, die Liebe zur kurdischen Sprache in den Herzen und im Bewusstsein ihrer Kinder zu verankern und diese wertvolle Sprache zu bewahren. Kinder sollten nicht von diesem reichen sprachlichen und kulturellen Erbe ausgeschlossen werden, damit sie ihren Eltern eines Tages nicht vorwerfen müssen, sie nicht zur Wertschätzung ihrer Muttersprache erzogen zu haben.
Als einige Familien innerhalb ihrer Heimat aus beruflichen oder akademischen Gründen in größere Städte zogen, entwickelte sich bedauerlicherweise in manchen Fällen die Vorstellung, dass Kinder zu Hause vor allem die gesellschaftlich dominierende Sprache sprechen sollten, um bessere schulische Leistungen zu erzielen. Gleichzeitig blieben jedoch die Verbindungen zu den kurdischen Dörfern und Städten sowie zu Verwandten und anderen Mitgliedern der kurdischen Gemeinschaft weiterhin bestehen.
In der Diaspora fehlt vielen unserer Kinder dieser unmittelbare Bezug zur Heimat. Außerhalb des Elternhauses verwenden sie überwiegend die Sprache des jeweiligen Aufenthaltslandes. Wird diese Praxis auch innerhalb der Familie fortgeführt und fehlt zugleich die Teilnahme am Kurdischunterricht sowie der regelmäßige Kontakt zur kurdischen Sprache, besteht die Gefahr, dass die Bindung zur eigenen sprachlichen Identität nach und nach verloren geht.
Es darf niemals in Vergessenheit geraten, dass die kurdische Sprache die tragende Säule der kurdischen Existenz und Identität bildet. Die Beherrschung mehrerer Sprachen ist zweifellos ein großer Gewinn. Umso bedauerlicher ist es jedoch, wenn ein Mensch seine Muttersprache nicht kennt. Welchen Sinn hat es schließlich, sich als Kurde oder Kurdin zu bezeichnen, wenn die eigene Sprache verloren gegangen ist, wenn man sie weder sprechen noch als Mittel der Kommunikation nutzen kann und wenn man außerstande ist, sie an die nächste Generation weiterzugeben?
Ja, nur durch meine Sprache existiere ich.
