KULTUR

Nerd

Das in den iranischen Sprachen als „Nerd“ oder „Takhtnerd“ bezeichnete Spiel gehört zu den ältesten bekannten Brettspielen der Welt. Seine Geschichte ist lang, komplex und bis heute nicht vollständig geklärt. Weder sein genauer geografischer Ursprung noch der Zeitpunkt seiner Entstehung können mit Sicherheit bestimmt werden. Im Gebiet des heutigen Iran wurden Spielbretter entdeckt, die dem Nerd ähneln und zusammen mit Würfeln aus menschlichen Knochen auf ein Alter von etwa 5000 Jahren datiert werden. Es wird angenommen, dass iranische Völker zur Verbreitung und Weiterentwicklung des Spiels beigetragen haben und dass es von dort aus in andere Regionen des Nahen Ostens gelangte, bevor es sich bei Griechen, Römern und später in Europa verbreitete.

In den 1920er Jahren entdeckte der britische Archäologe Sir Leonard Woolley in der Stadt Ur, einer der ältesten sumerischen Stadtgründungen und einem bedeutenden Zentrum Mesopotamiens, ein antikes Spielbrett. Auf Grundlage dieser Entdeckungen entstanden Theorien, wonach das „Königliche Spiel von Ur“, das auf etwa 2600 v. Chr. datiert wird, als möglicher Vorläufer moderner Brettspiele angesehen werden kann. Darüber hinaus wurden im gesamten Nahen Osten zahlreiche weitere Brettspiele aus dem Zeitraum zwischen dem 10. und 7. Jahrhundert v. Chr. entdeckt.

Heute wird das Spiel in seiner modernen Form noch häufig in Kurdistan, Iran, Ägypten, Irak, Syrien, Libanon und der Türkei gespielt. Darüber hinaus hat es sich mittlerweile in weiten Teilen der Welt verbreitet und ist unter verschiedenen Namen bekannt. In Großbritannien heißt es „Backgammon“, in Frankreich „Tric Trac“, in Italien „Tavola Reale“, in Spanien „Tables Reales“, in den arabischen Ländern „Tawla“, in Griechenland „Tavli“ und in Deutschland „Puff“. Die deutsche Bezeichnung „Puff“ soll ursprünglich das Geräusch der fallenden Würfel nachahmen.

Auffällig ist, dass trotz der weiten Verbreitung des Spiels unter den verschiedenen Völkern des Nahen Ostens zahlreiche während des Spiels verwendete Begriffe kurdischen Ursprungs sind. Diese Bezeichnungen werden sowohl für bestimmte Spielzüge und Spielsteine als auch für die Würfelzahlen verwendet. Die Benennung der Zahlen orientiert sich dabei an den kurdischen Zahlwörtern: 1 = Yek, 2 = Du, 3 = Sê, 4 = Çar, 5 = Pênc und 6 = Şeş.

Das Spiel wird von Arabern, Persern und Türken häufig auch als „Shesh Besh“ bezeichnet. Die Herkunft dieser Bezeichnung lässt sich aus der kurdischen Sprache erklären: „Şeş“ bedeutet sechs und „Pênc/Bêş“ bedeutet fünf. Der Ausdruck „Shesh Besh“ wird zudem häufig verwendet, wenn ein Spieler gleichzeitig eine Fünf und eine Sechs würfelt.

Ursprünglich existierte nur eine Spielvariante des Nerd, die dem heute bekannten Spiel ähnelte. Mit der zunehmenden Verbreitung und Popularität entstanden jedoch zahlreiche neue Varianten und regionale Spielweisen.

Das Nerd besteht aus einem meist kunstvoll verzierten Holzkasten, der häufig mit Muscheln oder wertvollen Hölzern wie Ebenholz dekoriert wird. Zum Spiel gehören zwei sechsseitige Würfel sowie Spielsteine aus Elfenbein, Holz oder Kunststoff. Die Spielsteine besitzen zwei unterschiedliche Farben – üblicherweise Weiß und Schwarz – und jede Partei verfügt über fünfzehn Spielsteine.

Das Spiel verbindet strategisches Denken mit dem Zufallsprinzip. Nach jedem Würfelwurf müssen die Spieler aus mehreren möglichen Zügen wählen und gleichzeitig die potenziellen Reaktionen ihres Gegners berücksichtigen.

Der Holzkasten enthält ein Spielbrett, das in vier Bereiche unterteilt ist. Jeder Bereich umfasst sechs längliche Dreiecke. Die Spielsteine werden entsprechend den gewürfelten Zahlen bewegt. Gewinner ist der Spieler, dem es gelingt, alle seine Spielsteine vom Brett zu entfernen, bevor sein Gegner dies schafft. Jeder Spieler verfügt über fünfzehn Spielsteine, die zu Beginn des Spiels auf gegenüberliegenden Seiten positioniert werden. Während des Spiels versucht jeder Teilnehmer, seine eigenen Steine voranzubringen und gleichzeitig den Fortschritt des Gegners zu behindern. Ziel ist es, alle eigenen Spielsteine sicher durch das Spielfeld zu führen und vor dem Gegner aus dem Spiel zu nehmen.