Hiva Nebi, Romanautorin und Forscherin, in der Endphase ihrer Doktorarbeit in französischer Literatur an der Martin-Luther-Universität.
Der kurdische Schriftsteller Burhan Sönmez gehört seit Jahren zu den wichtigen literarischen Stimmen zwischen Anatolien, Istanbul und Europa. Am 10. Juni 2026 wurde bekannt gegeben, dass er den Premio Hemingway 2026 in der Kategorie „Testimone del nostro tempo“ „Zeuge unserer Zeit“ erhält. Diese Auszeichnung würdigt einen Autor, dessen Bücher Schmerz, Erinnerung, Exil und Würde auf eine Weise erzählen, die Menschen weltweit verstehen können.
Der Premio Hemingway in Lignano Sabbiadoro hält die Erinnerung an Ernest Hemingway lebendig, der eine besondere Verbindung zu diesem Ort hatte. Mit dem Preis werden Schriftstellerinnen, Künstler und Intellektuelle geehrt, deren Werk über ihr jeweiliges Fach hinauswirkt. Zu den namhaften Gewinnern der letzten Jahre zählen unter anderem Annie Ernaux, David Grossman, Zadie Smith und Shirin Ebadi.
Burhan Sönmez wurde 1965 in der anatolischen Region Haymana nahe Ankara in eine kurdische Familie geboren. Er wuchs in einem Umfeld auf, in dem Türkisch und Kurdisch nebeneinander existierten und in dem das mündliche Erzählen eine große Rolle spielte. Seine Mutter war eine begabte Geschichtenerzählerin, was Sönmez oft in Interviews betont hat. Diese frühe Erfahrung hat sein Schreiben geprägt: Seine Romane verbinden moderne Literatur mit traditionellen Legenden, Mythen und philosophischen Fragen.
Nach seinem Jurastudium arbeitete Sönmez als Anwalt für Menschenrechte. Nachdem er bei einem Polizeieinsatz in der Türkei verletzt worden war, lebte er fast zehn Jahre als politischer Flüchtling in England. Heute teilt er sein Leben zwischen Istanbul und Cambridge, wo er als Senior Member mit Hughes Hall und dem Trinity College verbunden ist. Die Erfahrungen von politischer Gewalt, Flucht und Exil bilden den Hintergrund seiner Bücher. Dabei schreibt er aber keine reinen politischen Anklagen. Ihn interessiert eher die menschliche Seite: Wie Menschen mit ihren Erinnerungen umgehen und wie die Sprache ein Ort der inneren Freiheit sein kann.
Für die kurdische Gemeinschaft im Exil hat die Nachricht von diesem Preis eine besondere Bedeutung. Sönmez nutzt Herkunft und Identität nicht als politische Parolen. Er teilt die Welt nicht in einfache Gegensätze wie Heimat und Fremde oder Täter und Opfer. Stattdessen schreibt er über Menschen, die mit den Folgen der Geschichte leben müssen: Gefangene, Exilierte, Liebende und Suchende. Seine Figuren sind keine bloßen Symbole für ein politisches Thema, sondern echte Menschen mit eigenen Fehlern, Träumen und Widersprüchen. International bekannt wurde Sönmez vor allem durch den Roman „Istanbul Istanbul“. Das Buch spielt in einer Gefängniszelle unter der Stadt, in der sich vier Gefangene Geschichten erzählen, um ihre Angst zu bewältigen, während oben das normale Leben weitergeht. Die Struktur erinnert an klassische Erzählungen, bei denen das Erzählen im Dunkeln Hoffnung schenkt. Istanbul wird hier zu einem Ort, an dem Gewalt, Schönheit und Erinnerung aufeinandertreffen. Für viele deutschsprachige Leserinnen und Leser ist dieser Roman ein guter Einstieg, weil er Lebenserfahrung und Fantasie gut ausbalanciert. In seinem Roman „Labyrinth“ geht es um ein anderes Thema, den Verlust des Gedächtnisses. Ein Musiker überlebt einen Sprung von der Bosporus-Brücke, verliert dabei aber jede Erinnerung an sein früheres Leben. Der Roman zeigt, wie wichtig Erinnerungen für uns selbst und für ganze Gesellschaften sind, die Unterdrückung erlebt haben. Gerade für kurdische Leser berührt das Buch einen sensiblen Punkt, den Versuch, die eigene Geschichte nicht zu vergessen.
Seine Romane, darunter „Nord“, „Stein und Schatten“, „Die Unschuldigen“ und „Lovers of Franz K.“ wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt. Sönmez schrieb auch Essays für internationale Zeitungen wie The Guardian, Der Spiegel und la Repubblica. 2017 bekam er den Václav-Havel-Preis, und 2018 den EBRD Literature Prize.
Diese Anerkennung zeigt, dass seine Themen Menschen überall auf der Welt bewegen.
Ein besonderer Schritt in seiner Arbeit ist der Roman „Lovers of Franz K.“, den Sönmez auf Kurdisch, seiner Muttersprache, geschrieben hat. Für einen international erfolgreichen Autor ist das eine bewusste Entscheidung von großer kultureller Bedeutung. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Sprache, die lange Zeit an den Rand gedrängt wurde, und zeigt das Potenzial der kurdischen Gegenwartsliteratur.
Neben dem Schreiben engagiert sich Sönmez aktiv für die Freiheit des Wortes. Seit 2021 ist er Präsident von PEN International und setzt sich weltweit für bedrohte Kolleginnen und Kollegen ein. Für ihn ist Literatur keine Beschäftigung für eine Elite, sondern eine gesellschaftliche Verantwortung.
Die Freiheit, an die Sönmez glaubt, ist keine abstrakte politische Losung. Für ihn ist die Literatur selbst der ultimative Raum der Freiheit, in dem das Schicksal eines Autors nicht von Regimen oder Institutionen besiegelt wird, sondern von denen, die seine Worte bewahren. Wie tief dieses Bewusstsein in seinem jüngsten Werk verwurzelt ist, zeigt sich in einer eindringlichen Passage aus „Lovers of Franz K.“. In einem dichten Dialog über das Erbe von Kunst und die Macht der Zensur entfaltet sich jene moralische Verantwortung, die Sönmez seinen Figuren – und uns – auferlegt:
Inspektor Müller: „Wenn es so ist, wie Sie sagen, dann schützt selbst der Tod die Schriftsteller nicht. Sie können jederzeit missbraucht und verraten werden.“
Ferdi Kaplan: „Den verstorbenen Schriftstellern bleibt niemand außer uns – den Lesern. Gerechtigkeit und Mitgefühl finden sich nicht in den Gerichtssälen, sondern liegen in unseren Händen.“
Inspektor Müller: „Auch Herr Brod glaubte nicht an die Gerichte. Er glaubte an die Leser und wollte, dass sie die wahren Richter sind.“
Es sind Momente wie dieser, die zeigen, dass Sönmez Engagement als PEN-Präsident und sein literarisches Schaffen Hand in Hand gehen. Die Freiheit des Wortes ist für ihn kein Privileg, sondern ein unaufhörlicher Kampf um die Erinnerung
Der Hemingway-Preis passt gut in unsere heutige Zeit. In einer Welt, in der Konflikte, Flucht und politische Spannungen wieder zunehmen, zeigt das Werk von Burhan Sönmez, dass Literatur eine wichtige Aufgabe hat. Sie kann Erlebtes festhalten und den Menschen eine Stimme geben, die sonst überhört werden. Für das deutsche Publikum ist er ein Autor, der Brücken baut – zwischen verschiedenen Kulturen, Traditionen und den großen Fragen unseres Alltags.

